Feierstunde anlässlich des Volkstrauertages 2025
Pohnsdorf, den 16.11.2025
Im Bild: Symbol für den Volkstrauertag:
Die Kreuze des Volksbund Deutsche Kriegsgräberführsorge e.V.
Der Volkstrauertag ist ein stiller Tag des Innehaltens und Erinnerns – an die Opfer von Krieg, Gewalt und Terror. Gerade in einer Zeit, in der Konflikte wie der Krieg in der Ukraine uns täglich vor Augen führen, wie zerbrechlich Frieden ist, gewinnt dieser Tag an besonderer Bedeutung. Mit einer Gedenkstunde wurde in der Gemeinde Pohnsdorf der Volkstrauertag am 16. November 2025 begangen.
Bürgermeister Marco Lüth und Pastorin Yasmin Glatthor hielten Ansprachen.
Hier der Text der Ansprache von Bürgermeister Marco Lüth:
Liebe Pohnsdorferinnen und Pohnsdorfer,
liebe Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr,
sehr geehrte Frau Pastorin Glatthor,
ich begrüße Sie und euch herzlich zu unserer heutigen Gedenkstunde anlässlich des Volkstrauertages. Wir sind heute zusammengekommen, innezuhalten und gemeinsam der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken. Der Volkstrauertag mag in manchen Ohren unzeitgemäß klingen, doch sein Anlass ist und bleibt hochaktuell. Es ist ein Tag der stillen Einkehr, ein Tag, an dem wir uns bewusst machen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern etwas, für das wir aktiv eintreten müssen.
Auch heute lädt die Gemeinde im Anschluss wieder zu Kaffee, Punsch und Kuchen ein. Mein ausdrücklicher Dank gilt allen, die zur Vorbereitung und Ausgestaltung des heutigen Tages beigetragen haben. Neben Pastorin Yasmin Glatthor von der Kirchengemeinde Preetz und den Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr sind es die Personen, die sich um die Bewirtung im Dorfgemeinschaftshaus kümmern und insbesondere Hans-Jürgen Meyke, der für uns erneut das Musikstück „Ich hatt‘ einen Kameraden“ auf der Trompete spielen wird. Euch allen ein herzliches Dankeschön!
In diesem Jahr, im Jahr 2025, hat unser Gedenken eine besondere Dimension: Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährte sich zum 80-ten Mal. Achtzig Jahre sind eine lange Zeit, doch die Narben dieses Krieges reichen bis in die Gegenwart.
Wenn wir von Narben sprechen, meinen wir oft das Sichtbare. In den Städten zeigen sich solche Narben des Krieges. Trotz des Wiederaufbaus sind sie nach Krieg, Flucht und Zerstörung zu erkennen. Straßenzüge, die einst pulsierende Lebensadern waren, tragen noch stille Zeugnisse vergangener Schrecken. Häuser, die wieder aufgebaut wurden, tragen die Zeichen des Verlustes, die niemand jemals ganz mit Farbe übertönen kann. In jeder Gasse, in jedem Fenster liegt eine Geschichte. So etwa die Geschichte des im Jahr 1931 aufgenommenen Bildes in einer Wohnung im Sophienblatt 60 in Kiel. Es zeigt den jüdischen Chanukka-Leuchter auf dem Fensterbrett eines Zimmers.
Es ist von der Familie des letzten Kieler Rabbiners Arthur Posner aufgenommen. Der Leuchter steht vor dem Hintergrund der mit Hakenkreuzfahnen geschmückten NSDAP-Zentrale. Zwei Jahre später flüchtet die Familie zunächst nach Antwerpen, später nach Palästina.
In den Köpfen der Kriegsgeneration finden sich aber auch andere, nicht direkt sichtbare tiefe und auf ewig schmerzhafte Narben. Es ist die Erinnerung ans das, was mit Gewalt genommen wurde - den Verlust der Heimat, der geliebten Menschen, der unschuldigen Kindheit und der unbeschwerten Jugend und Zukunft.
Schauen wir auf die jetzt häufiger stattfindenden Bombenentschärfungen. Wir blicken mit Bewunderung auf die Frauen und Männer des Munitionsräumdienstes und deren Arbeit. Teils werden aber auch nur die mit der Entschärfung einhergehenden Räum- und Sicherungsmaßnahmen registriert. Wir können davon ausgehen, dass nicht nur in Kiel, sondern auch in unserer Gemeinde noch viele Blindgänger in der Erde liegen. Auch diese verdeckten und wiederendeckten Bomben erzählen uns eine Geschichte.
Es ist die Geschichte der historischen Dimension dieser Bombenentschärfungen. Tausende von Bomben sind auf Kiel und die Umgebung abgeworfen worden. Nur ein kleiner Teil explodierte nicht. Der Großteil der Bomben erfüllte den ihnen zugeordneten tödlichen und zerstörerischen Auftrag. Menschen fielen dem Bombenhagel zum Opfer. Frauen, Männer und Kinder. Der Tod, die Verletzung und das Elend trafen die Menschen willkürlich und rücksichtslos.
Industrieanlagen, Straßen, Versorgungseinrichtungen und Wohngebiete wurden vernichtet und dem Erdboden gleich gemacht.
Es ist die ältere Generation, die uns noch von den eigenen Eindrücken, Erlebnissen und Folgen aus dieser Zeit und dem Krieg in Deutschland berichten kann. Doch ihre Stimmen werden leiser und bald müssen wir allein aus Aufzeichnungen und Erinnerungen das Grauen des Krieges und der letzten Kriegswochen hier bei uns begreifen müssen.
Leider lehrt uns die Gegenwart, dass die Hoffnung auf "Nie wieder Krieg" eine ständige Aufgabe bleibt. Auch heute, achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, herrscht in vielen Teilen der Welt Krieg. Wir sehen Konflikte, die Familien auseinanderreißen, Menschen in die Flucht treiben sowie unvorstellbares und nicht zu ertragendes Leid verursachen.
In Europa sind uns die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen nahe. So wie im Zweiten Weltkrieg die Bomben auf Kiel gefallen sind, so werden auch heute Bomben, Raketen und Drohnen eingesetzt, um die andere Seite zu besiegen. Angst, Verletzung und Tod in der Zivilbevölkerung sind dabei bewusst und zutiefst menschenverachtend mit einkalkuliert.
In der Ukraine bedeutet der Krieg einen seit 2022 andauernden Ausnahmezustand. Das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen ist durch Angriffe, Flucht und Angst geprägt. Wohngebiete, Schulen und Krankenhäuser geraten immer wieder unter Beschuss. Kinder werden bei Angriffen verletzt oder sogar getötet. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine vor fast fünf Jahren wurden mehr als 2.500 Kinder getötet oder verletzt.
Der 13-jährige Nazar lebt in Nikopol im Südosten der Ukraine. Nach der Schule wollte er nur einen kleinen Spaziergang mit einem Freund machen. "Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wo genau wir waren“, berichtet Nazar. „Mein Freund hat einen Gegenstand gefunden. Er trat nichtsahnend dagegen“. Plötzlich explodierte der Gegenstand – es war eine Mine. Die Jungen wussten nicht, dass in der Gegend Minen verstreut waren.
Und auch wenn es keine Angriffe gibt, lauern ständig und überall Gefahren. Die Ukraine zählt mittlerweile zu den am stärksten mit Minen verseuchten Ländern der Welt. Fast ein Drittel des Landes ist mit Minen und anderen Sprengstoffen verseucht. Seit der Explosion ist Nazar in einem Krankenhaus in Charkiw. Nur zweimal konnte er für einen Besuch nach Hause kommen. Ein Teil seines Fußes musste aufgrund der schweren Verletzungen amputiert werden. "Der erste Monat war hart. Nazar hat aufgehört zu sprechen“, erzählt seine Mutter. Insgesamt musste er sich vierzehn Operationen unterziehen. Zunächst konnte er nur sitzen oder liegen. Mithilfe einer Gehhilfe, die er von UNICEF bekommen hat, lernt er langsam wieder zu laufen.
Wir trauern deshalb heute auch um die Opfer der gegenwärtigen Kriege und Krisen: die Zivilisten, die in Kriegsgebieten sterben, die Kinder, denen eine Zukunft in Sicherheit verwehrt bleibt. Wir gedenken heute der Soldaten und der Menschen, die durch Kriegshandlungen, in Gefangenschaft, als Vertriebene oder auf der Flucht ihr Leben verloren. Wir gedenken auch der Opfer der Gewaltherrschaft in vielen Ländern - der Ermordeten, der Gefolterten, der Verfolgten, derer, die aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder ihrer Überzeugungen verfolgt wurden.
Der Volkstrauertag erinnert uns daher nicht nur an die Vergangenheit, sondern mahnt uns, die historischen Wurzeln der Gegenwart wahrzunehmen und aus der Geschichte für die Zukunft zu lernen. Er zwingt uns, hinzusehen, wo Unrecht geschieht, und Verantwortung für den Frieden zu übernehmen.
Gedenken allein reicht nicht aus. Es muss uns antreiben, uns für Versöhnung, Verständigung und eine friedlichere Welt einzusetzen. Frieden fällt uns nicht einfach zu; wir müssen aktiv etwas dafür tun. Jeder Einzelne von uns kann einen Beitrag leisten, sei es durch ehrenamtliches Engagement, Zivilcourage oder einfach nur durch einen respektvollen Umgang miteinander im Alltag.
Demokratie und Gerechtigkeit sind die Grundpfeiler für eine friedliche Gesellschaft. Der Volkstrauertag ist auch ein Appell an uns alle, diese Werte zu schützen und zu verteidigen.
Wir gedenken heute gemeinsam der Toten und bewahren ihre Erinnerung wach. Lasst uns die Stille dieser Gedenkstunde nutzen, um unser eigenes Handeln zu hinterfragen und uns für eine Zukunft in Frieden und Freiheit zu verpflichten.
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